Call me God

Residenztheater: Riesengroße Säle, mehrere Logen, fein angezogenes Publikum in gehobenem Alter, Garderobe. Von wegen! Das Erstaunen war groß als wir den ersten Schritt in den Marstall wagten: Es fielen sofort in schwarz gekleidete Lüftungsschächte und die auf dem Podium neben dem Publikum sitzende Regie auf. Der Saal, den man gar nicht als solchen sondern eher als Kämmerchen wahrnahm, ist sehr spartanisch und trüb ausgestattet, gut zu sehen an den einfachen Holzbänken in die die Zuschauer gepfercht wurden und der dumpfe Container der als Bühne diente. Ein Punkt indem definitiv nicht gespart wurde, ist die wahnsinnig große Anzahl an Scheinwerfern, die über der Bühne wucherten. Diese spartanische Art unterstützte das Stück in dessen Wirkung eine triste, unsichere, gar bedrohliche Umgebung zu schaffen.

Die Zuschauerschaft wird mithilfe eines eitel geschwätzigen Dialogs eines hochemotionalen Mannes, der pausenlos auf diese einredete und die Vorgeschichte der Haupthandlung näherbrachte, knallhart in das Stück geworfen und es gab nicht die geringste Chance das Gesagte zu verarbeiten oder gar zu verstehen. Das Theater baut auf den Serienmorden der „Beltway-Snipern“ auf und verdeutlicht die durchaus kritische Rolle der Medien bei solchen Attentaten. Und plötzlich wie aus heiterem Himmel „BUMM […] Wir haben ein Problem!“ und schon hat sich die Kugel in das Gehirn des Opfers gebohrt und dieses ist schon zu Boden gesunken. Diese Situation wiederholt sich immer wieder in derselben Sequenz und dennoch in einem völlig anderem Schema oder Ausführung. Die tiefgreifenden Fragen zu den Medien und der politischen Situation bei Krisen ziehen sich durch ganze Stück. Warum ziehen Killernachrichten in den Medien größere Kreise als vergleichsweise positive Nachrichten? Weshalb beißen sich Bürger einer spätkapitalistischen Gesellschaftsordnung so lange an Attentaten oder dergleichen fest? Wie reagiert der Staat gegen solch todsüchtiges Elend? Meines Erachtens ist den 4 Autoren der Aufbau des Werkes Bestens gelungen.

Jeder der jetzt noch denkt „Hää, is ja voll langweilig?! Das ist doch wie jeder andere Dreck.“ wird jedoch schnell eines Besseren belehrt: Denn spätestens nach dem 3. Tod wird der Running Gag der Theatertruppe klar, nach jedem Vorfall beschreibt ein Angehöriger des Opfers inmitten von Trauerausbrüchen und der Ergriffenheit über den Eklat ein selbst geschriebenes Buch über den Vorfall und verkauft es gegen 22 Dollar an einem extra aufgestelltem Bücherstand am Ausgang. Das Publikum erlebt einen „Querschnitt aus CIS, […] Monk, und [den …] muskulösen, hocherotischen oder einfach nur neurotischen, in jedem Fall aber immer genialen Ermittler[n], Profilern, Psychokomikern oder sonstige[n] kriminalistische[n] Knallchargen benannter US-Serien […].“ (Zitat aus theaterkritiken.com -> Knallbunt wie ein Schrebergarten).

So entwickelte sich ein normaler Schulausflug zu einem einzigartigen Erlebnis. In der Klasse gab es größtenteils positive Rückmeldungen zu der in allen Punkten durchaus gelungenen Inszenierung. Ein großes Lob geht natürlich auch an die 4 Darsteller die im Verlauf des Stückes über 55(!!) verschiedene Rollen eingenommen haben und was diese auf der schlichten und einfältigen Bühne vorgeführt haben. Dieser Theaterknaller hat mein durch das Schultheater herbeigerufenes Interesse merkbar gestärkt und ich habe mir auf jeden Fall meinen Theaterhorizont spieletechnisch sehr erweitert und den Schauspielprofis das ein oder andere abgeschaut. Die sich dem Theaterstück anschließende Nachbesprechung stillte auch den Wissensdurst der ebenfalls positiv eingestimmten Deutschlehrerin Frau Dr. Heidi Fleckenstein, durch die tausenden Fragen und Anregungen.